Donnerstag, 4. Juni 2020

Corona-Beschränkungen - Raus aus der Lockerungsspirale

Corona-Beschränkungen - Raus aus der Lockerungsspirale!

Die Aufregung über die fast schüchterne Lockerungsrhetorik von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow zeigt: Die Gesellschaft braucht eine Exit-Strategie aus der Angststarre. Die Politik muss die Verantwortung wieder in die Hände des Individuums legen.
Seit Wochen ist das Land auf Lockerungskurs. Tagtäglich werden Verbote und Beschränkungen diskutiert, infrage gestellt und zum Teil auch kassiert. Doch je mehr Lockerungen beschlossen werden, desto verkrampfter schaut die Gesellschaft auf deren Auswirkungen – ganz so, als seien die Lockerungen nicht Ausdruck eines gesunkenen Risikos, sondern unvermeidliche Quellen neuen Unheils. Der Lockdown unter den Locken hält sich hartnäckig. Die Gaststätten bekommen dies zu spüren: Ihnen geht nun die Luft aus, denn die Tische bleiben leer und die Menschen daheim.
Eineinhalb Meter sind ein Lichtjahr
Die schrittweisen Aufhebungen der Kontaktbeschränkungen haben einen zwiespältigen Effekt auf das gesellschaftliche Klima: Zum einen wirken sie wie Signale dafür, dass theoretisch alles wieder so werden könnte wie früher und sich die Entscheidungsträger genau darum bemühen. Zum anderen aber wird so der mentale Lockdown zementiert: Die Lockerungslogik basiert darauf, dass der tatsächliche Abschluss der Maßnahmen nicht abzusehen ist. Wer aber immer weiter lockert, ohne jemals den Status zu erreichen, der vor Einführung der Beschränkungen geherrscht hat, der normalisiert den Ausnahmezustand und injiziert ihn als Neo-Normalität ins gesellschaftliche Bewusstsein.
Die politische Rhetorik ist dabei überaus heuchlerisch: Sie suggeriert, als sei der einzige nicht verhandelbare Bereich der Beschränkungen – die Abstandsregel – nur ein kleines, fast zu vernachlässigendes Detail, mit dem sich leicht leben ließe. In Wirklichkeit aber ist die Abstandsregel der Todesstoß für unser kulturelles, wirtschaftliches und soziales Leben! Wer tatsächlich glaubt, wir seien nur 1,5 Meter von der Normalität entfernt, der hat diese entweder nie erlebt oder längst abgeschrieben. Nicht nur in der Arbeitswelt, auch in Kunst und Kultur, in Zerstreuung und Genuss ist das Einhalten eines Mindestabstands zwischen Menschen von eineinhalb Metern schlicht nicht umsetzbar, ohne den eigentlichen Kern der jeweiligen Aktivität auszuhöhlen. Fakt ist: Die Abstandsregel hält die Gesellschaft Lichtjahre von dem entfernt, was die Menschen als halbwegs normales, zivilisiertes Leben empfinden.
Abstand als der neue Anstand
Auch wenn Zyniker, Nerds und Misanthropen es anders sehen: Die überwiegende Mehrheit der Menschen empfindet es als eine enorme Bereicherung, sich in der Nähe anderer Menschen aufzuhalten und gemeinsame Erfahrungen zu machen. Und dies gilt eben nicht nur für bierselige Stadiongänger oder ekstatisch zuckende Partybiester, sondern auch für die zahlreichen Freunde von Oper, Theater, Lesung, Ausstellung und Kleinkunst, die den Kulturbetrieb in Deutschland insgesamt zu einem der zentralen Wirtschaftszweige machen. Hier die derzeitige Situation auch nur annähernd als normalitätsähnlich zu beschreiben, ist schlicht verlogen.
 Noch gilt die Wahrung von 1,5 Metern Abstand als das elfte Gebot der Post-Corona-Welt. Mit Bodo Ramelow hat es nun ein erster regierender Politiker im Land gewagt, dieses Gebot zumindest rhetorisch ein wenig zu verwässern. Auch wenn er sogleich wieder eingefangen wurde, sein Schritt war wichtig. Er zeigt auf, dass die Welt auch jenseits der ominösen eineinhalb Meter weitergeht. Da diese Linie bislang von niemandem überschritten wird, gleichzeitig aber der Lockerungstrend zumindest scheinbar mit Leben gefüllt werden muss, werden die kommenden Lockerungsschritte notgedrungen immer kleiner ausfallen. Sie nähern sich der Nulllinie – wie übrigens auch die Zahl der Neuinfektionen. Aber für beide gilt: Sie werden den Wert 0 nie erreichen.
Ausbruch aus dem Misanthropozän
Natürlich wird dies von der Politik nur sehr ungern und zögerlich ausgesprochen. Aber ihre Logik der Risikoversion ist eindeutig: Ihr zufolge ist die Abstandsregel erst dann tatsächlich hinfällig, wenn ein Impfstoff vorrätig ist sowie ein Medikament, das verhindert, dass Menschen, die sich dennoch infizieren, in Verbindung mit COVID-19 sterben. Wohlwissend, dass dies noch Monate bis Jahre dauern kann, hält man sich mit Prognosen weitgehend zurück. Stattdessen wird versucht, die Abstandspflicht als Kernbestandteil einer neuen, verantwortungsvollen Sozialetikette zu normalisieren. Eine Alternative hierzu bietet sich innerhalb dieser Logik nicht. Einzig der grundlegende Bruch mit diesem Angstdenken würde es ermöglichen, andere Wege zu erwägen.
 Dazu reichen jedoch keine kleinen Schrittchen, es braucht dafür schon einen gewaltigen Satz: Gefragt ist nicht weniger als die Abkehr von der Risikoobsession, die den Zeitgeist prägt. Die heftigen Reaktionen auf den Vorschlag von Ramelow offenbaren, dass nicht mehr die reale Bedrohung durch das Coronavirus die Debatten befeuert, sondern die Angst vor den unkontrolliert von der Leine gelassenen Menschen, die angeblich nur im Lockdown und unter strikter Kontrolle zu Vernunft imstande sind. Die Angst vor Menschen hat die Angst vor dem Virus ersetzt. In dieser Weltsicht erscheinen Misstrauen und Misanthropie als Stützen der Gesundheitsprävention und die Freiheitsfeinde und Kontrollfreaks als deren Apostel. Das Anthropozän, das immer wieder beschworene „Zeitalter der Menschheit“, entpuppt sich in seiner aktuellen Gestalt eher als „Misanthropozän“, und all dies im Namen der Gesundheit – man kann es sich kaum absurder ausdenken.
Angstpolitik: Nudging in Formvollendung
Wir können mit unserem Angstdenken weder Mut noch Sicherheit erzeugen. Es lässt sich auch nicht so weit herunterregeln, dass es aufhören würde, Angst zu reproduzieren. Und dennoch ist diese Art des Denkens und die so entstandene Weltsicht zum zentralen Paradigma der modernen Gesellschaft geworden. Wir sind daran gewöhnt und darin geschult, die Welt durch das Prisma von Risiko und Bedrohung zu sehen.
In allen Politikfeldern wird mit dem Verweis auf immense Bedrohungsszenarien versucht, die Menschen zu einem anderen Verhalten zu „nudgen“ – anzustoßen. In der im Zusammenhang mit dem Coronavirus entstandenen Krisensituation hat sich die Angststarre nun so verfestigt, dass es schwerfällt, die Gesellschaft wieder hochzufahren. Da die Abstandsregel als natürliche Grenze des Möglichen gilt, ist dieses Hochfahren auch keine dynamische Bewegung, sondern eher ein Kriechen um den heißen Brei. Mit Trippelschritten wird sich die Pandemiebekämpfung nicht ausschleichen – im Gegenteil, sie wird ins Unendliche verlängert.
 Ein Hochsicherheitstrakt schafft keine Sicherheit 
Auch wenn die Bezeichnung anderes erwarten lässt: Ein Hochsicherheitstrakt schafft keine Sicherheit. Dasselbe gilt auch für eine Hochsicherheitsgesellschaft. Das Gefühl von Sicherheit kann erst entstehen, wenn wir Angstdenken und Risikoscheu durch Freiheitsdenken ersetzen. Die menschliche Zivilisation basiert darauf, Risiken abzuschätzen und dann in freien Entscheidungen individuell damit umzugehen. Genau das tun wir heute nicht. Wir lassen andere für uns entscheiden, ziehen uns selbst aus der Verantwortung zurück und verlernen so, selbst Risiken sinnvoll abzuschätzen. Lieber meiden wir Risiken voll und ganz – auch wenn das bedeutet, dass das gesellschaftliche Leben abstirbt. Deswegen ist der Ausbruch aus dem Risikovermeidungsdenken so lebenswichtig. Um Risiken wieder realistisch einschätzen zu können, brauchen wir Transparenz und Fakten und eine Kultur, die von uns fordert, Entscheidungen selbst zu treffen. Dieser Ton war es, den Ramelow traf. Und er traf auch den Nerv.
Individualisiert die Pandemiebekämpfung 
Das Herunterbrechen der Pandemiebekämpfung auf die Landkreisebene war ein wichtiger Schritt heraus aus dem zentralistischen Lockdown. Der nun notwendige nächste Schritt wäre das Herunterbrechen der Pandemiebekämpfung auf das selbstverantwortliche Individuum. Natürlich schreien da die Misanthropen und Autoritätsjunkies auf und verweisen auf das Heer der Unvernünftigen. Und natürlich wird es Rückschläge und Verfehlungen geben – schließlich ist der Gesellschaft wirkliche soziale Orientierung auf Basis individueller Freiheit und Eigenverantwortung seit Jahrzehnten systematisch abtrainiert worden.
Aber vielleicht sollten wir gerade deswegen endlich damit aufhören, die Menschen, von denen wir wollen, dass sie sich nicht wie Idioten verhalten, wie solche zu behandeln. Die Pandemiebekämpfung muss, wenn sie irgendwann für beendet erklärt werden soll, weiter demokratisiert und individualisiert werden. Eigentlich sollte dies in einer Demokratie eine nicht so ungewöhnliche Forderung sein. Immerhin sprechen wir von denselben Menschen, denen in unserer Gesellschaft die Aufgabe zuteil wird, über das politische Führungspersonal und damit über die Geschicke des Landes zu entscheiden. Wenn wir die Angst vor den Menschen bekämpfen, brauchen wir uns auch nicht vor Viren fürchten.

Was die Flüchtlingskrise, Klima und Corona verbindet

Politik im Panikmodus
VON CHRISTOPH SCHWENNICKE am 4. Mai 2020
Vieles von dem, was in den letzten Jahren scheinbar plötzlich über uns kam, war eigentlich absehbar. Die Politik hat es aber ignoriert und reagierte jeweils mit Extrempolitik. Zeit, sich aus diesem Strudel des panischen Populismus zu befreien.
Flüchtlingskrise, das Klima, Corona - alle drei politischen Großereignisse der vergangenen Jahre, so unterschiedlich sie thematisch sein mögen, eint eines: Jedesmal hat die Politik extrem reagiert, ist in einen anderen Arbeitsmodus übergegangen. Von einem besonnenen, abwägenden und strategischen Ansatz zu einem des Aktionismus. Man kann auch sagen: der Panik. 
Alles andere tritt mit einem Mal in den Hintergrund. Nur eine Lesart zählt, nur ein Weg geht scheinbar. Und diesen Weg weist oft eine einzelne Figur. Heiße sie Greta Thunberg oder Christian Drosten. Die politisch Handelnden werden zu „Getriebenen“, wie das der Kollege Robin Alexander in seinem gleichnamigen und zuletzt schändlich schlecht verfilmten Buch über die Flüchtlingskrise exemplarisch protokolliert hat. 

Gefühl der Ohnmacht

Warum ist das so? Warum dieses neue Muster? Eine Gemeinsamkeit der drei Ereignisse: Alle drei kamen über die Politik und die politisch Handelnden wie eine höhere Macht, auch wenn man alle drei natürlich länger hätte kommen sehen können. Mit einem Mal waren sie real da: Die vielen hunderttausend Flüchtlinge, die Wetterextreme, das Virus. Einem unmittelbaren Gefühl der Ohnmacht, wurde jeweils mit Extrempolitik begegnet.
„Es liegt nicht in unserer Macht, wie viele noch zu uns kommen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 in der Hochphase der Flüchtlingskrise und ließ die Grenzen offen. Beim Virus schottete sich Deutschland dann doch ab - bis in kleinste Gebietskörperschaften hinein: Mecklenburg-Vorpommern errichtete an seinen Grenzen Straßensperren, um Hamburger und Berliner abzuwimmeln. Wildgewordene Landräte machen Jagd auf Zweitwohnungsbesitzer.

Wer die Deutungshoheit gewinnt, der bestimmt

Allen drei Ereignissen ist gemeinsam und zu eigen, dass die Politik vorher zu lange die Hinweise darauf, dass da etwas Großes kommt, ignoriert hat. Der Flüchtlingsstrom hatte sich angekündigt, der Klimawandel auch, und für eine Pandemie hätte es eigentlich einen Plan und auch genügend Masken für alle geben müssen. Jedesmal wurde die Politik auch wegen vorheriger Ignoranz in den Aktionismus getrieben, den sie am Ende mit zu verantworten hat. 
Der äußere Druck, die permanent sich verstärkende Macht der Bilder, die Sekundenschnelle, in der sich, dem Hochfrequenzhandel an der Börse ähnlich, die Botschaften über das weltweite Netz verbreiten, machen die politischen Spielräume zusätzlich eng. Es gibt eine plausible ökonomische Theorie, derzufolge im digitalen Zeitalter das „The winner takes it all“-Prinzip des Kapitalismus ins Extrem getrieben wird. Das Gleiche vollzieht sich politisch. Wer die Deutungshoheit gewinnt, der bestimmt. Und wenn es ein 15jähriges Mädchen aus Schweden ist. 

Viel verlangt

Politik wird darüber geradezu in einen Populismus gedrängt. Exemplarisch kann man das an der neuen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen festmachen. Gerade noch hat sie einen 500-Milliarden-Euro-„Green Deal“ zur Klimarettung der Europäischen Union ausgerufen. Jetzt soll es das Ganze im doppelten Maßstab als Marshall-Plan zur Rettung der europäischen Wirtschaft in der Corona-Krise geben.
Große Worte, große Zahlen, große Ohnmacht: Dieser Populismus spiegelt sich auch in der unmittelbaren Reaktion der Politik auf die Corona-Seuche wider: Der dosierte Shutdown in Deutschland war zu einem Gutteil ein politisches Nachvollziehen dessen, was ohnehin schon Raum gegriffen hatte und Raum gegriffen hätte. Vehement das fordern, was ohnehin kommt, ist ein altes, probates, aber nicht eben ehrenwertes politisches Verhaltensmuster. Und BDI-Präsident Dieter Kempf hat natürlich recht, wenn er sagt, dass es leichter ist, einen Notaus-Knopf zu drücken, als die Sicherung wieder reinzuschrauben.
Es wäre zu wünschen, dass die Politik sich aus diesem Strudel des panischen Populismus befreien würde. Das würde vor allem heißen: Mehr Prävention, mehr Weitsicht und im akuten Fall mehr Besonnenheit. Das ist sehr viel verlangt, vermutlich zu viel in einer Zeit der extremen Ereignisse und noch extremeren Emotionen. 

Samstag, 18. April 2020

Erwartungen an Corona-Lockerungen zum 15.03.2020

Ich erwarte differenzierte Lösungen. Die Situation in Niedersachsen ist eine andere als in Bayern und Baden-Württemberg und in ländlichen Regionen eine andere als in den Hotspots der Großstädte.
Kommentar von Ulrich Reitz
Sonntag, 12.04.2020, 17:28
Armin Laschet (CDU) hat von seinem Expertenrat ein 15-seitiges Papier zur Handhabung der Krise erhalten. Mit diesem Dokument geht der nordrhein-westfälische Ministerpräsident auf Distanz zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und seinem bayerischen Amtskollegen Markus Söder CSU). Dafür hat Laschet aber gute Gründe.
Bestimmt das schwächste Glied in der Kette - etwa Bayern?
Dienstag, 14.04.2020, 17:24
Zwei Ansagen, eine Kanzlerin. Angela Merkel (CDU) will, dass in Deutschland einheitliche Corona-Auflagen gelten. Ausgerechnet die „Leopoldina“ aber, deren Urteil Merkel sehr wichtig ist, regt regional unterschiedliche Lösungen an. Wie nun also? Morgen entscheiden Merkel und die Ministerpräsidenten. Bleiben die Länder zusammen, dann bestimmen die schwächsten den Weg. Das hieße: vorsichtigste Lockerung. >>> weiterlesen

15.04.2020 19:00 Uhr: Der Berg hat gekreist und eine Maus geboren. Wie befürchtet, bestimmen Bayern und Hamburg, die größten Hotspots in Deutschland, die Trippelschritte der gesamten Republik!

Kommen heute Lockerungen in der Coronakrise?
VON CHRISTOPH SCHWENNICKE am 15. April 2020
Heute beraten Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten darüber, wie sie die Ausgangsbeschränkungen lockern können. Das Ganze wirkt mitunter wie ein gigantischer Marshmallow-Test: Wenn wir brav sind, gibt es vielleicht bald etwas Süßes. >>> weiterlesen

Mittwoch, 15. April 2020

Warum Deutschlands Lockdown falsch ist – und Schweden vieles besser macht (WELT)


Warum Deutschlands Lockdown falsch ist – und Schweden vieles besser macht (WELT)
Stand: 07:39 Uhr | Lesedauer: 4 Minuten
Von Stefan Homburg
Während Deutschland still steht, sind in Schweden Schulen und Geschäfte geöffnet. Und trotzdem sinken auch dort die Neuinfektionen. Wie kann das sein? Unsere Strategie beruht auf einem riesigen Vorhersagefehler des RKI – mit riskanten Nebenwirkungen. 
In Europa konnten an Ostern nur die Schweden zur Messe oder zu einer größeren Trauerfeier gehen. Dort sind die Nachtclubs voll, die Geschäfte geöffnet, und die Kinder gehen zur Schule. Obwohl es keinen Lockdown gibt, ist die Zahl der registrierten neuen Corona-Infektionen auch in Schweden rückläufig. Wie ist das zu erklären? 
Werfen wir zunächst einen Blick auf Deutschland. Die gemeldeten Neufälle, die den Infektionen verzögert folgen, sind schon seit drei Wochen rückläufig. Die Zahl der Todesfälle wiederum hat ein Plateau erreicht und sinkt nun auch. 
Laut Fachliteratur vergehen zwischen Infektion und Tod durchschnittlich 23 Tage, und dieser Umstand ist sehr wichtig. Er bedeutet nämlich, dass die nicht direkt beobachtbaren Neuinfektionen ihren Höhepunkt viel früher erreicht haben als die Sterbefälle. Weil die geglättete Kurve der Sterbefälle ihr Maximum am 7. April annahm, wurde das Maximum der Neuinfektionen schon Mitte März erreicht – und damit vor dem Lockdown, der am 23. März beschlossen wurde und am Tag darauf in Kraft trat. 
Umgekehrt formuliert kann sich der Lockdown infolge der genannten Verzögerung in den bisherigen Sterberaten noch gar nicht zeigen; er wird frühestens Mitte April sichtbar. Der Rückgang von Neuinfektionen und Sterbefällen hat nichts mit dem Lockdown zu tun, sondern mit dem natürlichen Verlauf jeder Epidemie und natürlich den ergriffenen konventionellen Abwehrmaßnahmen wie Hygiene, Testung und Quarantäne. 
Schwedens Zahlen unterstreichen die Richtigkeit dieser These. Auch dort nahm die Zahl der täglichen Todesfälle erst zu, dann sank sie. Trotz des Verzichts auf einen Lockdown: von „exponentiellem“ Wachstum bei den Todesfällen keine Spur. 
Zwar verzeichnet Schweden eine höhere sogenannte Fallsterblichkeit als Deutschland, doch sind seine Krankenhäuser keineswegs überlastet, und darauf kommt es an. Zudem werden in Schweden am Anfang der nächsten Virensaison mehr Menschen immun sein als in Deutschland. Insgesamt erscheint die schwedische Politik sehr rational und unaufgeregt. 
Lesen Sie auch 
Corona in Schweden 
In Deutschland stritt man das Problem zunächst ab, behauptete dann, Deutschland sei gut gerüstet und veranlasste den Export von Gesichtsmasken nach China. Am 20. März aber, als das Coronavirus in China und Südkorea längst eingedämmt war, mit Sterblichkeiten von deutlich weniger als 0,001 Prozent der Bevölkerung, wartete das Robert Koch Institut (RKI) plötzlich mit Szenarien auf, die mindestens 300.000 deutsche Todesfälle voraussagten. Drei Tage später folgte der Lockdown-Beschluss. Bisher sind in Deutschland rund 3000 Menschen mit Covid19-Diagnose verstorben, und diese Zahl wird kaum noch wesentlich steigen. 
Der gigantische Vorhersagefehler des RKI hat, um den zentralen Punkt zu wiederholen, nicht das geringste mit dem Lockdown zu tun, weil dessen Wirkungen erst Mitte April in den Sterberaten sichtbar werden können. 
Lesen Sie auch 
Schwedens Sonderweg 
Ursprünglich wollte Deutschland eine Überlastung der Krankenhäuser vermeiden, und am 28. März versprach Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Podcast, der Lockdown könne beendet werden, sobald die Verdopplungszeit (also die Zeit, in der sich die gemeldeten Fälle verdoppeln), in Richtung zehn Tage wachse. 
Diese Zielmarke war rasch erreicht, weshalb Kanzleramtschef Helge Braun nachschob, wünschenswert seien zehn bis vierzehn Tage. Inzwischen beträgt die Verdopplungszeit mehr als 30 Tage. Der Lockdown besteht indes weiterhin.

Gegen den Kurswechsel des RKI sprechen drei Gründe 

Und warum? Weil RKI und Politik den Indikator gewechselt haben und nunmehr die Reproduktionszahl hervorheben. Anders als die direkt messbare Verdopplungszeit hängt diese aber von unbekannten Faktoren ab; sie ist schlicht nicht überprüfbar. 
Eine Reproduktionszahl von Eins bedeutet, dass die gemeldeten Neuinfektionen stabil bleiben. In seiner Pressekonferenz vom 3. April erklärte RKI-Chef Lothar Wieler, der Wert Eins sei erreicht, das „wisse man“. Ohne Aufmerksamkeit zu erregen fuhr Wieler fort, er wolle die Reproduktionszahl künftig auf Werte unter Eins drücken. Damit ersetzte das RKI das Eindämmungsziel durch ein Ausrottungsziel. 
Lesen Sie auch 
Professor Jürgen Renn 
Obwohl das Institut nach abermaligem Wechsel der Berechnungsmethode inzwischen wieder höhere Werte meldet, muss man diesem Kurswechsel aus drei Gründen grundsätzlich widersprechen. 
Erstens ist es nicht sinnvoll, jeden einzelnen Sterbefall infolge einer Coronainfektion zu eliminieren. In Anbetracht unzähliger Verkehrs-, Arbeits- und Freizeitunfälle müsste man dann nämlich alle menschlichen Aktivitäten untersagen. 
Zweitens sinkt beim Ausrottungsziel die Zahl derjenigen Personen, die trotz Infektion gesund bleiben und anschließend immun sind. Will man zum Start der nächsten Virensaison einen neuen Lockdown? Jedes Jahr? 
Drittens müssen Sterbefälle mit Coronadiagnose gegen andere Sterbefälle aufgerechnet werden, die erst durch den Lockdown entstehen. Wer zählt die Menschen, die wegen verschobener Operationen gestorben sind, obgleich die vorhergesagte „Coronawelle“ nie kam und auch nicht kommen wird? Wer zählt die Suizide, die erfahrungsgemäß schon bei leichten Rezessionen zunehmen? Und wer bedenkt, dass eine marode Volkswirtschaft auf Dauer auch im Gesundheitssystem kürzen muss?
Lesen Sie auch 
Nach dem Ende des Shutdowns

Zusammengefasst haben Länder wie Schweden, Südkorea oder Taiwan mit ihrem Verzicht auf Lockdowns klug gehandelt. Die dortigen Virologen führten Bevölkerung und Politik mit ruhiger Hand durch die Krise, statt sie durch ständige Kurswechsel zu verunsichern. Das Coronavirus wurde ohne Schaden für Grundrechte und Arbeitsplätze erfolgreich eingedämmt. Deutschland sollte sich diese Politik zum Vorbild nehmen.
Professor Stefan Homburg ist Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen an der Universität Hannover.

Dienstag, 7. April 2020

Hätte Deutschland auf Corona vorbereitet sein können?

Deutschland hätte auf „Corona“ vorbereitet sein können. Hätte man  den Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012 ernstgenommen oder zumindest gelesen, dann hätte man Pläne wenigstens in der Schublade gehabt und kein planloses Chaos. Dann hätte man die pharmakologische Forschung vorantreiben können. Eigentlich. Eigentlich wäre das alles möglich gewesen, denn immerhin hat sich der Bundestag erstmals 2003 und dann sehr intensiv 2012 mit einer hypothetischen Pandemie durch ein Virus „Modi-SARS“ befasst.
Hier die interessantesten Aussagen des Jahres 2012:
S. 60, Fußnote (!) 3
Der Verlauf der SARS-Epidemie 2003 hat gezeigt, dass extrem wenige Fälle ausreichen können, um ein globales Infektionsgeschehen auszulösen.
S. 61/62
Es wird angenommen, dass jeder Infizierte im Durchschnitt drei Personen infiziert und es jeweils drei Tage dauert, bis es zur nächsten Übertragung kommt. Sogenannte „Super Spreader“ werden hierbei nicht berücksichtigt.
Die Ausbreitung wird auch durch den Einsatz antiepidemischer Maßnahmen verlangsamt und begrenzt. Solche Maßnahmen sind etwa Quarantäne für Kontaktpersonen von Infizierten oder andere Absonderungsmaßnahmen wie die Behandlung von hochinfektiösen Patienten in Isolierstationen unter Beachtung besonderer Mittel zur Eindämmung sind beispielsweise Schulschließungen und Absagen von Großveranstaltungen. Neben diesen Maßnahmen, die nach dem Infektionsschutzgesetz angeordnet werden können, gibt es weitere Empfehlungen, die zum persönlichen Schutz, z. B. bei beruflich exponierten Personen, beitragen wie die Einhaltung von Hygieneempfehlungen. Die antiepidemischen Maßnahmen beginnen, nachdem zehn Patienten in Deutschland an der Infektion verstorben sind.
S. 64
Über den Zeitraum der ersten Welle (Tag 1 bis 411) erkranken insgesamt 29 Millionen, im Verlauf der zweiten Welle (Tag 412 bis 692) insgesamt 23 Millionen und während der dritten Welle (Tag 693 bis 1052) insgesamt 26 Millionen Menschen in Deutschland. Für den gesamten zugrunde gelegten Zeitraum von drei Jahren ist mit mindestens 7,5 Millionen Toten als direkte Folge der Infektion zu rechnen. Zusätzlich erhöht sich die Sterblichkeit sowohl von an Modi-SARS Erkrankten als auch anders Erkrankter sowie von Pflegebedürftigen, da sie aufgrund der Überlastung des medizinischen und des Pflegebereiches keine adäquate medizinische Versorgung bzw. Pflege mehr erhalten können
S. 65
Das hier vorgestellte Szenario geht davon aus, dass schon früh im Verlauf antiepidemische Maßnahmen eingeleitet werden, die dazu führen, dass jeder Infizierte im Durchschnitt nicht drei, sondern 1,6 Personen infiziert. Die Gegenmaßnahmen werden nur für den Zeitraum von Tag 48 bis Tag 408 angenommen.
S. 67
Zu den behördlichen Maßnahmen im Gesundheitswesen zählen Absonderung, Isolierung und Quarantäne. Absonderung beschreibt die räumlichen und zeitlichen Absonderungsmaßnahmen von Kranken, Krankheits- und Ansteckungsverdächtigen voneinander und auch von empfänglichen, nicht-infizierten Personen, aber auch in Gruppen (Kohorten-Isolierung, -Quarantäne, Haushaltsquarantäne).
S. 73
Die personellen und materiellen Kapazitäten reichen nicht aus, um die gewohnte Versorgung aufrecht zu erhalten. Der aktuellen Kapazität von 500.000 Krankenhausbetten (reine Bettenanzahl, von denen ein Teil bereits von anders Erkrankten belegt ist, die Bettenzahl ließe sich durch provisorische Maßnahmen leicht erhöhen) stehen im betrachteten Zeitraum (1. Welle) mehr als 4 Millionen Erkrankte gegenüber, die unter normalen Umständen im Krankenhaus behandelt werden müssten. Der überwiegende Teil der Erkrankten kann somit nicht adäquat versorgt werden, so dass die Versorgung der meisten Betroffenen zu Hause erfolgen muss. Notlazarette werden eingerichtet.
Auch im Gesundheitsbereich kommt es zu überdurchschnittlich hohen Personalausfällen (z. B. aufgrund erhöhter Ansteckungsgefahr, psychosozialer Belastungen) bei gleichzeitig deutlich erhöhtem Personalbedarf.
Arzneimittel, Medizinprodukte, persönliche Schutzausrüstungen und Desinfektionsmittel werden verstärkt nachgefragt. Da Krankenhäuser, Arztpraxen und Behörden in der Regel auf schnelle Nachlieferung angewiesen sind, die Industrie die Nachfrage jedoch nicht mehr vollständig bedienen kann, entstehen Engpässe.
Aufgrund der hohen Sterberate stellt auch die Beisetzung der Verstorbenen eine große Herausforderung dar (Massenanfall an Leichen, Sorge vor Infektiosität).
S. 76/77
Es ist über den gesamten Zeitraum mit mindestens 7,5 Millionen Toten zu rechnen.
Allein während der ersten Erkrankungswelle ist gleichzeitig mit 6 Millionen Erkrankten zu rechnen. Über den gesamten Zeitraum ist die Zahl der Erkrankten noch deutlich höher.
S. 78
Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen sind hier nicht konkret abschätzbar, könnten allerdings immens sein. Da im gesamten Ereignisverlauf mindestens 7,5 Millionen Menschen sterben, ist trotz der Altersverteilung der Letalitätsrate mit dem Tod einer Vielzahl von Erwerbstätigen zu rechnen. Sollten z. B. vier Millionen Erwerbstätige versterben, wären dies ca. zehn Prozent aller Erwerbstätigen, dieser Verlust wäre volkswirtschaftlich deutlich spürbar und mit einem hohen Einbruch des Bruttoinlandprodukts verbunden.
Mit massiven Kosten für die öffentliche Hand ist zu rechnen, u.a. durch den Verbrauch von medizinischem Material und Arzneimitteln sowie durch die Entwicklung und Beschaffung eines Impfstoffes. Durch den Ausfall von Wirtschaftsleistung sind geringere Steuereinnahmen zu erwarten. Dies führt in Verbindung mit dem Anstieg der Gesundheitskosten voraussichtlich zu einer erheblichen Belastung der Sozialversicherungssysteme, vor allem der gesetzlichen Krankenversicherung.
S. 79/80
Gleichwohl ist es nicht auszuschließen, dass eine zunehmende Verunsicherung und das Gefühl, durch die Behörden und das Gesundheitswesen im Stich gelassen zu werden, aggressives und antisoziales Verhalten fördert. Hierunter fallen z. B. Einbrüche/Diebstähle, z. B. zur Erlangung von Medikamenten (z. B. Antibiotika) usw. Plünderungen und Vandalismus, Handel mit gefälschten Medikamenten, Aktionen gegen Behörden oder Gesundheitseinrichtungen (aus Verärgerung, z. B. wegen vermeintlich ungerechter Behandlung bei medizinischer Versorgung)

Wie gesagt: „Eigentlich“ hatte man über eine Pandemie des Corona-Ausmaßes nachgedacht. Aber Politik und Medien haben lieber weggeschaut nach dem Motto: "Einige Antworten hätte die Bevölkerung unnötig beunruhigt". (de Maizière)..