Mittwoch, 6. Januar 2021

Wagenburg um´s Kanzleramt

 Ein kluger Aufsatz aus der „WELT“.

Von Andreas Rosenfelder:

Teile des deutschen Journalismus haben in der Corona-Krise eine Wagenburg ums Kanzleramt gebildet. Sie sehen ihre Aufgabe darin, die Stategie der Regierung zu verteidigen, und richten ihre Kritik stattdessen auf die „unvernünftigen“ Bürger.

Was ist der Job eines Journalisten? Die kürzeste und einfachste Antwort lautet: Aufklärung. Dazu gehören, seit die freie Presse im 18. Jahrhundert entstand, die genaue Beobachtung der Verhältnisse, das Formulieren von Kritik und das Aufdecken von Skandalen.

All das tun Journalisten auch heute noch – fragt sich nur, worauf sie ihre Energie richten. Verfolgt man die mediale Diskussion über die Versäumnisse der Bundesregierung bei der Organisation des Corona-Impfstoffs, so kann man den Eindruck bekommen, nicht die Politik, sondern die Kritik an dieser Politik sei der eigentliche Skandal.

Reihenweise warfen sich Medienvertreter in die Bresche, um die Verantwortlichen in Schutz zu nehmen vor den Vorwürfen, die der „Spiegel“ mit einer spektakulären Recherche über „Das Impfstoffdrama“ in Gang gesetzt hatte – ein Drama, das nicht nur das Leben der vom Virus bedrohten Menschen gefährdet, sondern auch den unzumutbaren Zustand des Lockdowns verlängert.

„Nicht alles ist optimal gelaufen, aber die Alternativen waren schlechter“, so schrieb der ZDF-Korrespondent Stefan Leifert auf Twitter und belehrte die Kritiker der Bundesregierung in einer Staffel von zehn Tweets darüber, dass sie falsch liegen. Die ARD-Moderatorin Anne Will kommentierte Leiferts Beitrag mit dem Emoji für Applaus, und Birthe Sönnichsen, Redakteurin im ARD-Hauptstadtstudio, übersetzte das Ganze noch einmal in die Sprache einer journalistischen Sonderpädagogin: „Bitte lesen. Bitte abregen. Bitte froh sein, dass sich Deutschland für den europäischen Weg entschieden hat. Bitte Liefermengen klar kommunizieren. Bitte jetzt die Organisation in den Bundesländern perfektionieren. Bitte nicht mehr blame game spielen.“

Bloß keine Schuldzuweisungsspiele! Vermutlich hätte die junge Kollegin das auch gesagt, wenn sie 1962 gelebt und den legendären „Spiegel“-Titel „Bedingt abwehrbereit“ in die Finger bekommen hätte, immerhin warf das Magazin der Bundesregierung damals Versagen beim Schutz der Bevölkerung vor einem russischen Atomschlag vor. „Blame Game“ – so nennen öffentlich-rechtliche Journalisten heute die Kritik an jenen, die politisch Verantwortung tragen und die, das nur nebenbei, selbst keinerlei Skrupel haben, Glühwein trinkende Bürger für das Scheitern ihrer Corona-Strategie verantwortlich zu machen – so tat es Jens Spahn im Dezember, beklatscht von der Journalistenblase. Uns Spahn?

Einer der Hauptverantwortlichen.

Kein Wunder, dass er – als Bundesgesundheitsminister mitverantwortlich für das Impfdesaster – den Tweet des ZDF-Manns teilte und dass auch Armin Laschet, der in Nordrhein-Westfalen einen suboptimalen Impfstart zu verantworten hat, ihn weiterempfahl und mit einer Kritik an „nachträglicher Besserwisserei und parteipolitischem Kleinklein“ verband.

Man muss sich dieses Szenario noch einmal modellhaft vergegenwärtigen, um es in seiner schockierenden Drastik zu erkennen: Da gibt es Journalisten, die durch eine Recherche aufdecken, dass in einem für jeden Bürger dieses Landes folgenreichen Ablauf schwere Fehler gemacht wurden – und dann kommen andere Journalisten, die ihre Aufgabe darin sehen, diese Fehler herunterzuspielen, die Alternativlosigkeit einer Strategie, bei der „nicht alles optimal“ war, nachzuweisen („die Alternativen waren schlechter“) und sich gegenseitig mit kindischen Klatsch-Emojis und digitalen Bitte-bitte-Appellen noch in ihrer PR-Kampagne für die Bundesregierung zu unterstützen.

Die einen decken etwas auf, die anderen schütten es wieder zu. Wissen sie nicht, dass das selbst dann nicht ihre journalistische Aufgabe wäre, wenn die Bundesregierung in der Krisenpolitik – und es gibt wenig Anlass, das anzunehmen – wirklich alles richtig gemacht hätte? Merken sie nicht, wie sie beim verzweifelten Versuch, das aus Gründen angeknackste Vertrauen in die Politik zu retten, das Vertrauen in den Journalismus nachhaltig beschädigen? Ist ihnen nicht bewusst, dass sie dabei ein Meinungskonglomerat aus Politik und Medien erzeugen, das jeden Kritiker der „Systemmedien“ in seinen krudesten Fantasien bestätigt?

Eine Wagenburg um das Kanzleramt

Der Umgang vieler Journalisten mit den Versäumnissen beim Impfen steht exemplarisch für die Rolle der Medien in der Corona-Krise: Noch nie zuvor, auch in der Flüchtlingskrise nicht, hat sich die deutsche Medienlandschaft so dicht um das Bundeskanzleramt geschart – diesmal allerdings nicht, um es gnadenlos zu belagern, so, wie es die 2001 in Herlinde Koelbls gleichnamigem Dokumentarfilm verewigte „Meute“ der Hauptstadtjournalisten tat, sondern im Gegenteil – als schützende Wagenburg.

Die Hauptstadtmedien schirmten die Corona-Politik der Bundesregierung gegen Angriffe von Dritten ab, sie stellten die ausgegebenen Marschrouten in Form von Leitartikeln an ihre Leser durch und richteten ihre brachliegende kritische Energie einfach auf die „unvernünftigen“ Bürger, die regelmäßig dafür gegeißelt wurden, sich nicht so zu verhalten, wie sich das die Corona-Strategen und ihre medialen Dolmetscher wünschten.

Dort unten, an den Subjekten des Regierungshandelns, konnte sich der „kritische“ Journalismus dann doch noch austoben, da wurde von den Medien ein „Skandal“ nach dem anderen aufgedeckt – ob es nun die feiernden Jugendlichen im Park waren, die Urlaubsreisenden im Sommer und Herbst, die gestressten Last-Minute-Weihnachtseinkäufer oder jetzt eben die Familien, die sich einen Hang zum Schlittenfahren suchen.

Politische Fragen, die in einer so fundamentalen Krise auf der Hand liegen und sich gerade dann aufdrängen, wenn man die Gefahr durch Corona ernst nimmt, blieben liegen oder wurden spät und pflichtschuldig abgehandelt: Texte, die die Effektivität der Lockdown-Strategie bei der Bekämpfung der Pandemie kritisch untersuchen, waren lange eine Rarität, und der Gedanke, dass der Schutz der Risikogruppen eine wichtige Ergänzung zur Reduzierung aller Kontakte, ja vielleicht sogar eine Alternative dazu sein könnte, kam im medialen Mainstream erst an, als der zweite Lockdown längst beschlossen war und das Sterben in den Altersheimen dennoch weiter zunahm.

Das mediale Interesse an Ländern, die auf den Lockdown verzichten, ist immer nur dann groß, wenn man dort den totalen Zusammenbruch prognostizieren kann – wenn er ausbleibt, wie derzeit in der Schweiz, lässt die Aufmerksamkeit nach, obgleich doch dort wie in einem Labor zu beobachten wäre, ob die Stilllegung der gesamten Gesellschaft wirklich so alternativlos ist.

Durch ergebnisoffene Neugier, durch prinzipielles Misstrauen und Widerspruchsgeist – alles alte Tugenden des Journalismus – zeichnet sich die Medienlandschaft im von der Krise gelähmten Deutschland nicht aus, und das gilt nicht nur für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ etwa war im letzten Jahr staatstragender unterwegs als zu Zeiten Helmut Kohls.

Im Leitartikel der Silvesterausgabe bat Jasper von Altenbockum den Staat stellvertretend für die Bürger um „Verzeihung“ für die „vielen bewussten oder unbewussten Regelbrüche, die das Virus nicht verzeiht“. Die Corona-Politik sei in der Krise „nicht an die Grenzen des Staates, sondern an die der Gesellschaft gestoßen“ – soll heißen: Da wäre noch viel mehr drin gewesen an staatlichem Übergriff, wenn die Leute nur nicht so schlecht mitgespielt hätten.

Auf der Medienseite derselben Zeitung hatte Michael Hanfeld den deutschen Journalismus kurz vorher so arrogant und pauschal gegen jedwede Kritik verteidigt, dass man sich spätestens nach der Lektüre dieses Artikels fragen musste, ob nicht doch etwas an den Vorwürfen dran ist. „Zu viel Regierungsverlautbarung, zu viel Jens Spahn, zu viel Karl Lauterbach, zu wenig eigene, kritische Ansätze, zu wenig über andere Länder, zu wenig über divergierende wissenschaftliche Ansätze“: So fasste Hanfeld die relativ objektive Lagebeschreibung des Dortmunder Kommunikationswissenschaftlers Claus Eurich zusammen, der im Frühjahr ein „Systemversagen des Journalismus“ diagnostizierte – was Hanfeld dann aber als „Bild-Manier“ abkanzelte und brav mit einem Sinnspruch seines Herausgebers Werner D’Inka vom Tisch fegte: „Nicht alles, was Sie nicht gesehen haben, haben wir nicht nicht gesendet.“

Ja, so muss es wohl sein: Der Leser ist schuld, wenn er die filigran im Programm versteckte Kritik nicht erkennt. Die hat es tatsächlich in allen deutschen Zeitungen gegeben, sogar in der „Süddeutschen“, die doch keine Gelegenheit ausließ, die Dogmen der deutschen Corona-Politik in ihrer Sinnhaftigkeit zu erläutern (unvergesslich: „Der Lockdown ist gut für die Wirtschaft“).

Doch die fragenden Stimmen verhallten in jener großen Kathedrale der Angst, die in der Krise von Politik und Medien gemeinsam errichtet wurde – und die der Kritik schon dadurch den Status der Häresie zuwies, dass die Kritiker der Maßnahmen in einer grotesken Täter-Opfer-Umkehr immer wieder für das Übel der Pandemie verantwortlich gemacht wurden.

Schon die Wörter „Kritik“, „Kritiker“ und „Skeptiker“ wurden in der Krise mit negativem Beiklang aufgeladen. Dass der Journalismus mit dieser Umwertung der aufklärerischen Werte seinen eigenen Wesenskern beschädigt, kann man daran sehen, dass immer mehr Leser ins Dunkelfeld der „alternativen“ Medien abwandern, um sich jene Perspektiven, die ihnen der Mainstream als vernünftige Option verweigert, in angeschärfter Form bei „Tichys Einblick“ oder „Reitschuster“, „Epoch Times“ oder „KenFM“ abzuholen.

Die Verlorenen

Dieses aufgegebene Publikum, das oft ein liberales und urdemokratisches Weltbild mitbringt, die liberale Demokratie in der Krise aber nicht mehr wiedererkennt, wird nicht einfach zurückkommen, wenn die Impfung läuft. Es bleibt für unser politisches und mediales „System“, das in seiner Einzigartigkeit unbedingt schützens- und bewahrenswert ist, auf Dauer verloren.

Aber wie konnte es dazu kommen, dass ein Virus dem Journalismus die Vielfalt, die kritische Energie austreibt? Die Antwort lautet wie immer in der Pandemie: Das Coronavirus dockt nur an vorhandene Strukturen an, es beschleunigt Prozesse, die längst im Gang sind. Dieser begann schon mit der Flüchtlingskrise, mit den Demonstrationen von Pegida und dem Bundestagseinzug der AfD.

Der Journalismus hat auf den Boom des Populismus, der auch ein Frontalangriff auf die als „Lügenpresse“ verteufelten Medien war, in weiten Teilen falsch reagiert: Im Bemühen, die pauschale Medienkritik zu widerlegen, glichen sich die Medien jenem Zerrbild an, das die Demagogen von ihnen zeichnen. Statt den richtigen Impuls aufzunehmen, den auch die falscheste Kritik für den klugen Interpreten bereithält, stellten sie sich verteidigend vor die politischen Eliten, als deren Verbündete sie vom Mob auf der Straße angesprochen wurden – und verhielten sich so, als träfe der Vorwurf zu.

Wer keine Populisten will, muss die Probleme lösen

Statt sich jenen blinden Flecken staatlichen Handelns zuzuwenden, deren mediale Vernachlässigung die „Frustrierten“ und „Abgehängten“ in die Fundamentalopposition treibt, glaubten die Medien, sie könnten den Populismus wieder zum Verschwinden bringen, indem sie seine Vertreter und seine Anhänger nur lange genug ins Sperrfeuer ihrer Kritik nehmen und deren Überzeugungen in immer neuen Anläufen als falsch darstellen.

Das hat in der Flüchtlingskrise nicht funktioniert, und man darf skeptisch sein, ob es in der Corona-Krise hilft. Wenn Politik und Medien so eng zusammenstehen wie am Ende dieser fast schon ewigen großen Koalition, können sie sich zwar gegenseitig bei Twitter auf die Schultern klopfen – doch der gemeinsame Grund der Gesellschaft wird allmählich schmaler, und irgendwann bricht der Boden unter den Füßen weg.

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler mag Angela Merkel im „Tagesspiegel“ im Stil eines wilhelminischen Hofhistorikers schon jetzt bescheinigen, dass „von ihr eine ganze Menge bleiben“ wird, Anne Wills Talkshow mag sich als Tribunal verstehen, das Kritiker von Merkels Corona-Strategie mit freundlicher Unterstützung von Annalena Baerbock und Karl Lauterbach aburteilt.

Aber einen Gefallen tut der Kanzlerin damit weder der eine noch die andere. Unser System – das ist die von den Populisten verkannte Wahrheit – basiert nämlich seit der Aufklärung auf dem kritischen Verhältnis von Politik und Öffentlichkeit. Eine Symbiose zerstört es.

Montag, 7. Dezember 2020

Gender-Sprech im TV

 Gender-Sprech im TV.

Mal etwas anderes als Corona:

Im Fernsehen greift der Gender-Sprech um sich. Typisch ist der geradezu missionarische Eifer, mit denen in den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF „gegendert“ wird. Man spürt die fast religiöse Inbrunst, mit der etwa Claus Kleber im ZDF von „Bürger – Pause – Innen“ oder „Expert – Pause – Innen“ spricht. Möge auch die Mehrheit der Bürger diesen öffentlich-rechtlichen Neusprech ablehnen: Wen stört´s, wenn die TV-Gebühren weiterhin im Überfluss fließen. Aus der Sicht der „Moderator – Pause – Innen“ muss das dumme Volk halt erzogen, besser: umerzogen werden wie Hugo Müller-Vogg treffend feststellt.

Um den Irrsinn zu verdeutlichen und auf die Spitze zu treiben, habe ich dazu mal einen überspitzten Text geschrieben, der von Petra Gerster mit Sicherheit so nicht vorgelesen würde:

"Eine Gender-Studie hat ergeben, dass in unserer Gesellschaft nicht nur Bürger*Innen mit guten Seiten leben.

So wurde festgestellt, dass unter den Vielen, auch eine ganze Anzahl von Mensch*Innen zu finden sind, die nicht nur als Gesellschaftskritiker*Innen gelten sondern auch als Skeptiker*Innen, Besserwisser*Innen, Lügner*Innen, Leugner*Innen und durchaus als Verschwörungstheore-tiker*Innen.

Neben Fremdgeher*Innen im privaten Bereich, gibt es auch im kriminellen Bereich nicht nur Opfer*Innen sondern auch Täter*Innen, die in der schlimmsten Form als Verbrecher*Innen zu bezeichnen sind.  So gibt es neben den eher harmloseren Schwarzfahrer*Innen auch Erbschleicher*Innen und eine erhebliche Anzahl von Betrüger*Innen, Schläger*Innen, und natürlich Räuber*Innen, Vergewaltiger*Innen und Mörder*Innen.

An den Rändern der Gesellschaft tummeln sich Hetzer*Innen und Hasser*Innen. Auch Aktivist*Innen, Extremist*Innen, Rassist*Innen und Islamist*Innen prägen das Bild an den Rändern.

Gefährlich wird es, wenn aus diesen Extremist*Innen, Fanatiker*Innen und Gewalttäter*Innen werden, weil diese sehr schnell zu Waffennarr*Innen, Bombenbauer*Innen, Gewalttäter*Innen und Attentäter*Innen, ja sogar Terrorist*Innen werden können.

Da sind Raser*Innen unter den Autofahrer*Innen eher harmlos, auch wenn Unfallfahrer*Innen als Unfallverursacher*Innen Leben und Gesundheit von anderen Autofahrer*Innen und Mitfahrer*Innen gefährden können.

Bemitleidenswert sind Obdachlos*Innen, auch Penner*Innen genannt, die auf der Straße leben.

Sollten sich Leser*Innen wegen dieses Textes an den Kopf fassen, bitte ich sie mitzuhelfen, dass ihre Kinder*Innen und Jugendlich*Innen diesen Unsinn nicht mitmachen müssen.

Donnerstag, 26. November 2020

ARD-Themenwoche: Wie wollen wir leben

Die ARD-Themenwoche 

"Wie wollen wir leben" hätte man eigentlich gleich "Wie wollen Grüne wie wir leben sollen" nennen können, dass wäre ehrlicher. Alexander Rolitschka, JU München 

Passt auch hierzu:

Ausgewogene Berichterstattung? 92 Prozent der ARD-Volontäre wählen grün-rot-rot (Welt)

Wenn der Journalisten-Nachwuchs geschlossen links wählt: Nur noch sehen, was ins Weltbild passt (Focus)

oder wie Dieter Nuhr:

"Wie immer NUHR anders" (ARD

lesenswert:

Volkspädagogik im Mantel der Tiefsinnigkeit (CICERO)

KOLUMNE: GRAUZONE VON ALEXANDER GRAU am 21. November 2020

„Wie wollen wir leben?“, will die diesjährige ARD-Themenwoche wissen. Unter dem Deckmantel der vermeintlich offenen Frage lauert Erziehungsjournalismus, der an ernsthafter Analyse kaum interessiert ist.

Zum Glück gibt es die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland. Und die weiß, wo es langgeht: Billiger Individualismus oder gar ordinärer Hedonismus sind hier von vornherein verpönt. Bei der ARD denkt man selbstredend sozial, achtsam und verantwortlich. Das „Wir“ nach dessen Leben die Themenwoche fragt, ist daher keine Ansammlung von „Ichs“, sondern ein Kollektiv, das bestimmt, wie der Einzelne zu leben hat...

Nicht wollen, sondern sollen

Die eigentliche Botschaft der Themenwoche ist nicht die Frage, wie wir leben wollen, sondern die unmissverständliche Aufforderung, wie wir leben sollen. Nämlich so, wie man sich das unter den Anhängern von Annalena und Robert vorstellt: nachhaltig, „woke“ und schuldbewusst...

>>> zum Artikel

Samstag, 21. November 2020

ARD-Themenwoche „Wie wollen wir leben?“ - Volkspädagogik im Mantel der Tiefsinnigkeit

ARD-Themenwoche „Wie wollen wir leben?“

Volkspädagogik im Mantel der Tiefsinnigkeit

KOLUMNE: GRAUZONE VON ALEXANDER GRAU am 21. November 2020

„Wie wollen wir leben?“, will die diesjährige ARD-Themenwoche wissen. Unter dem Deckmantel der vermeintlich offenen Frage lauert Erziehungsjournalismus, der an ernsthafter Analyse kaum interessiert ist.

Autoreninfo
Alexander Grau
 ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Zuletzt erschien von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

Formularbe

Formularbeginn

Formularende

Alle Jahre wieder kommt – nein, nicht das Christkind, sondern die ARD-Themenwoche. Anfangs ohne festen Termin, verordnen sich seit acht Jahren die Sendeanstalten der ARD pünktlich zum November einen gemeinsamen Themenschwerpunkt, der – passend zur Jahreszeit – tiefschürfend und gedankenschwer daherkommt.

Nach Glaube, Gerechtigkeit und Bildung widmet man sich in diesem Jahr angesichts von Corona und anderen Katastrophen der Frage: „Wie wollen wir leben?“ Zugegeben: Schwierige Frage, wenn auch nicht ganz neu. Über das gute und richtige Leben machen sich Philosophen Gedanken, seit sie ihre Profession erfunden haben. Die Antworten pendeln dabei traditionell zwischen dem Aufruf zur Askese, Ermunterung zum epikureischen Genüssen oder irgendwas in der Mitte. Da verliert man leicht die Orientierung.

Wir sind eins

Aber zum Glück gibt es die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland. Und die weiß, wo es langgeht: Billiger Individualismus oder gar ordinärer Hedonismus sind hier von vornherein verpönt. Bei der ARD denkt man selbstredend sozial, achtsam und verantwortlich. Das „Wir“ nach dessen Leben die Themenwoche fragt, ist daher keine Ansammlung von „Ichs“, sondern ein Kollektiv, das bestimmt, wie der Einzelne zu leben hat. Das macht schon der Teaser deutlich, mit dem die Sendeanstalten für ihr Projekt werben.

In erlesenstem Jargon der Engagierten und Problembewussten heißt es da, die Corona-Krise könne eine „neue Sensibilität für Zukunftsfragen“ schaffen, verdeutlichen, „was Globalisierung bedeutet“ und zeigen wie sehr wir „gemeinsam verantwortlich sind“: „Auf dem Weg aus der Krise geht es nun darum, Konsequenzen zu ziehen und Weichen zu stellen.“ Diese skrupellose Aneinanderreihung erbaulicher Textbausteine macht deutlich, worum es hier eigentlich geht: nicht um Diskussion oder Widerstreit, sondern um die Verkündung von Antworten.

Nicht wollen, sondern sollen

Die eigentliche Botschaft der Themenwoche ist nicht die Frage, wie wir leben wollen, sondern die unmissverständliche Aufforderung, wie wir leben sollen. Nämlich so, wie man sich das unter den Anhängern von Annalena und Robert vorstellt: nachhaltig, „woke“ und schuldbewusst.

Damit diese wenig subtile Botschaft nicht allzu autoritär daherkommt und der flauschige Eindruck von Bürgernähe entsteht („Wir sind Deins“), darf natürlich die obligatorische Umfrage nicht fehlen. Die ist zielgruppengenau justiert und richtet sich schon sprachlich („Kann es Fashion ohne Victims geben?“) an die entsprechende Klientel. Wenig überraschend sind daher die Ergebnisse (Stand Freitagmittag): So stimmen 92 Prozent dafür, dass umweltschädliches Handeln etwas kostet, 56 Prozent sind der Meinung, dass Essen keine Privatsache, sondern politisch ist und 84 Prozent denken, dass Klima vor Selbstverwirklichung geht.

Den Gipfel der Infantilität erreicht die ARD aber mit dem zeitgeistig „7Tage7Fragen“ genannten Format. Besagte Fragen lauten etwa: Was ist wichtiger, eigene Kinder oder die Ressourcen der Erde? Würdest Du für immer auf Urlaub verzichten, wenn Du so 12 Eisbären retten könntest? Nie mehr neue Klamotten kaufen oder Auto fahren? – Manche Antworten sind sogar ganz lustig. Die pädagogische Botschaft aber unmissverständlich: Kinder belasten die Umwelt, ebenso Flugreisen, Autos und Konsum.

Pädagogik statt Analyse

Das alles ist ja sogar richtig. Nur: Hier gehen die Probleme erst los. Doch an ernsthafter und kontroverser Analyse solch komplexer Probleme ist man bei der ARD nur dem Anschein nach interessiert. Viel wichtiger ist die gelungene Volkspädagogik: knallharte Politlinie, lustig-flauschig verpackt für die Generation Luisa Neubauer.

Vor zwei Wochen veröffentlichte das Branchenmagazin „Journalist“ eine (nicht repräsentative) Umfrage unter Volontären der ARD. Befragt nach deren parteipolitischen Präferenzen kamen dort Rot-Rot-Grün auf einen Stimmenanteil von 92 Prozent. 57,1 Prozent votieren für die Grünen, 23,4 Prozent für die Linkspartei, 11,7 Prozent für die SPD. Von Diversity und Vielfalt keine Spur. Wohin diese ideologische Monokultur führt, dokumentiert die diesjährige Themenwoche ganz ausgezeichnet.

Sonntag, 1. November 2020

Terror in Frankreich - Samuel Paty

 Umgang mit derselben Art islamistischen Terrors - Finde den Fehler

Frankreichs Staatspräsident Emmanuell Macron zeigt sich nach dem brutalen Mord an dem Lehrer Samuel Paty entschlossen und hat seine Landsleute auf einen langen Kampf gegen den radikalen Islamismus eingestimmt.
Ansprache des französischen Staatspräsidenten in Cicero

"Mit emotionalen Worten und dem Beschwören republika-nischer Werte hat Emmanuel Macron Abschied genommen von Samuel Paty. Der Lehrer war vergangenen Freitag von einem Islamisten geköpft worden".
Cicero dokumentiert die gestrige Rede des französischen Präsidenten in voller Länge - und hier? Bei uns? Nach dem islamistischen Terror-Mord an einem arglosen Touristen in Dresden?  Betretene politische Stille... (Herr Steinmeier oder Frau Merkel: Falls Sie noch kondollieren möchten: Der Ermordete von Dresden hieß Thomas Lips)  

Islamistischer Terror in Dresden - Es stimmt was nicht in diesem Land (Cicero) 

Siehe dazu auch eine Kolumne von Sascha Lobo (SPIEGEL) 

Linke Reaktionen auf islamistischen Terror

"Nach einem rechtsextremen Mord ist Verlass auf linke Empörung in den sozialen Medien. Auf einen islamistischen Mord hingegen folgt Stille, linke Zerknirschtheit - und manchmal sogar Schlimmeres".